Monika Lustig und die Edition CONVERSO

Ich wollte ein Gesamtkunstwerk schaffen

Monika Lustig, Verlegerin und leidenschaftliche Übersetzerin.
„Schreiben, Lesen und Übersetzen ist für mich wie die Luft zum Atmen.“

Es ist eine glückliche Fügung, mit Monika Lustig ins Gespräch gekommen zu sein. Wenn enthusiastische Büchermenschen aufeinandertreffen, kommt – das lehrt die Erfahrung – meistens etwas ziemlich Gutes dabei heraus. Das gilt auch und eigentlich ganz besonders, wenn Genregrenzen überschritten werden, ganz so, wie Leonardo Sciascia, der große Sizilianer, es mit unbekümmerter Kunstfertigkeit tat. Die Welterschließungskraft der Literatur ist belebendes Elixier für ambitionierte Sachliteratur; Feature und Reportage haben die Literatur im Blut, kein Buch kommt ohne ihr Handwerk aus.

Bücher sind die eine Gemeinsamkeit, Sizilien ist die andere …

Ich habe mich für die Inquisition interessiert, weil diese weit davon entfernt ist, nicht mehr zu existieren.“ So kommentiert Leonarda Sciascia „das Teuerste von allem, was ich je geschrieben habe.“ Der „Tod des Inquisitors“ – Morte dell’Inquisitore – erscheint 1964. Sciascia, der große europäische Aufklärer, der sich bei all seinem politischen Engagement von niemandem vereinnahmen ließ, widmete es den Bewohnern seiner Heimatstadt Racalmuto, wo einst die Arbeiter, darunter achtjährige Kinder, in den Salz- und Schwefelminen ausgebeutet und gepeinigt wurden. Es geht ihm nicht nur um die Institution der Inquisition. Es geht ihm vor allem auch um das Prinzip, das System, lässt er uns in seinem „nie abgeschlossenen“ Buch wissen.

Sciascias freier, offener und kritischer Geist ist allgegenwärtig in einem besonderen Verlag, der sich den Sprachwelten des Mittelmeerraums verschrieben hat. 2018 gründet Monika Lustig die „Edition CONVERSO“, nachdem größere Verlage sich zunehmend zieren, Übertragungen ins Programm zu nehmen, die vermeintlich keinen schnellen Gewinn versprechen. „Dann tue ich es eben selbst“, beschließt die leidenschaftliche Übersetzerin und wagt sich in ein „tollkühnes Abenteuer mit dramatischen Spitzen“.

„Wir erkennen das Offene, das Non-finito als politische Ansage“, schreibt Monika Lustig im Vorwort eines Buches zum 100. Geburtstag Sciascias. Für „Ein Sizilianer von festen Prinzipien“ hat sie Sciascias Lieblingswerk neu übersetzt und bringt es zusammen mit der Erzählung „Der Mann mit der Strurmmaske“ 2021 in deutscher Erstausgabe heraus. „Ich liege Sciascia zu Füßen“, gesteht die Verlegerin.

Die Lieblingsautoren aus ihrem Übersetzerportfolio sind außer Leonardo Sciascia, Simona Vinci, Fabio Stassi, Marcello Fois, Giorgio Chiesura, Andrea de Carlo, Carlo Lucarelli, der Andrea Camilleri der historischen Romane und Santo Piazzese.

„Stereotype aufbrechen“

Die Edition CONVERSO verbindet die Anrainer des Mittelmeers und der Adria im Verlagsprogramm und hält damit auch eine Gestaltungskraft aus klügeren Zeiten lebendig, als das Meer nicht als abschottende Barriere angesehen wurde, sondern vor allem als Verbindung, die nicht nur den Transport von Mensch und Gut ermöglichte, sondern auch von Wissen. Die Literatur erzählt von der schwierigen Geschichte seither, von komplexen Verstrickungen, ungebetenen Okkupationen, von Liebe und Glückseligkeit und von den Irrtümern und der Unkenntnis der nördlichen Nachbarn.

 

„Ich will Stereotype aufbrechen“, sagt Monika Lustig. „Es ist wichtig, kulturelle Vorannahmen und rassistisch geprägte Denkmuster auf die Probe zu stellen.“ Die Edition CONVERSO ist reich an Werken, die die Kehrseite der Dinge zeigen, Werke über den Widerstand gegen die Verhältnisse, Werke echter Aufklärung – was Krimis mit Kehrseitenqualität nicht ausschließt.

Das Gründungsbuch der Edition CONVERSO ist „Blaue Blumen zu Allerseelen“ von Santo Piazzese, der bis zu seiner Pensionierung Professor für Molekularbiologie an der Universität Palermo war. Sein alter ego Lorenzo La Marca geht zusammen mit Commissario Spotorno auf Verbrecherjagd und eröffnet uns dabei die Möglichkeit, jenseits wohlfeiler Zuschreibungen eine Menge über Palermo zu lernen. Seit August 2023 liegt Piazzeses Palermo-Trilogie – die in Italien Kultstatus hat – mit „Via Riccardo il Nero und die weiße Pelargonie“ und zuletzt mit „Schirokko und andere (heiße) Verbrechen“ komplett in Monika Lustigs deutscher Übersetzung vor.

Auch Leonardo Sciascia schrieb Krimis, und er war es auch, der als Herausgeber der „Sellerio Editore Palermo“ Andrea Camilleri als bemerkenswerten Autor historischer Romane entdeckte.

Einen Kriminalfall ganz anderer Art bringt die Edition CONVERSO im Sommer 2023 heraus. Leonardo Sciascias „Die Affaire Moro. Ein Roman“, ein Werk im Dienste radikaler Aufklärung, musste neu übersetzt werden, findet Monika Lustig. Ursprünglich 1978 erschienen, stellt das in rasender Eile verfasste Werk alles in Frage, was man über die Ereignisse der Entführung und Ermordung des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro zu wissen glaubt.

Wie den meisten ihrer Bücher gibt die Verlegerin auch diesem Werk Übersetzerhinweise mit, stellt einen materialreichen Apparat zur Verfügung, fügt erhellende Essays anderer Autoren hinzu und lässt so das Lesepublikum nicht ratlos zurück, wo Fragen aufkommen könnten über Dinge, die man – noch – nicht versteht.

„Ich wollte ein Gesamtkunstwerk schaffen“, sagt Monika Lustig. Ein Gesamtkunstwerk wie das Mittelmeer, dessen Geschichte noch lange nicht auserzählt ist, zumal seine Wirklichkeit in Gegenwart und Vergangenheit zum größten Teil hinter Spiegeln liegt, hinter denen das Lesepublikum echte Aufklärung findet. Dort, wo das wertvolle Wissen lebenskluger Menschen lebendig ist, wo Kulturen nebeneinander und übereinander liegen und aufeinander einwirken, ohne sich feindlich voneinander abzugrenzen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Amphitrite, nicht Poseidon, mit ihrem Dreizack den Programmstab der Edition CONVERSO hält. Ist sie doch die eigentliche Herrscherin über die Meere und den Fischfang. Amphitrite steht auch für die zahlreichen Titel von und über Frauen aus den Ländern rund um Mittelmeer und Adria: Maria Attanasio, Belinda Cannone, Katerina Schiná, Maria Topali, Chaza Charafeddine, Katixa Aguirre, Maja Gal Štromar – und sie steht für das gute Übersetzen, das vor allem die Kunst und das Handwerk von Frauen ist.

Sizilien

Bei aller Liebe zu all den Sprachen des Mittelmeers bleibt für Monika Lustig Italien und dort besonders Sizilien der Schwerpunkt der Arbeit. „Ich bin italienisch sozialisiert“, erzählt die Verlegerin. 1979 wandert sie dorthin aus und „stürzt erst einmal ins Nichts“. Doch die Sprache fliegt ihr zu, wird bald besser als die Muttersprache, und so beginnt sie, als Übersetzerin zu arbeiten. Im Jahr 2000 kommt sie zurück. „Ich bereue es immer wieder“, gesteht sie. Heute lebt sie wieder in ihrer Geburtsstadt Karlsruhe. Für wie lange jedoch, will sie offen lassen. „Vielleicht folge ich wieder dem Ruf des Wanderns als Existenzform.“

Und vielleicht begegnet ihr in Syrakus Johann Gottfried Seume, der berühmteste Spaziergänger und Wanderer deutscher Sprache. 

Von der Öffentlichkeit wurde die Edition CONVERSO mit offenen Armen empfangen. Renommierte Preise ließen nicht lange auf sich warten. 2021 waren es gleich zwei: der Kurt-Wolff-Förderpreis und der Deutsche Verlagspreis.

Abbildungen, Foto und Cover:
Edition CONVERSO