„Sie hat Sizilien, ohne es zu kennen, schon immer zum Mythos erhoben. Als sie die Insel dann einmal besuchte, war sie wie verzaubert.“

Sizilien in der Literatur

Die Literatur über und aus Sizilien ist reich und vielfältig und nicht immer auf simple Art gefällig. Wie bei fast allem, was die Insel betrifft, schaut man besser zwei Mal hin.

Giuseppe Tomasi die Lampedusa – Der Leopard

„Der Leopard“ (ital. Il Gattopardo), ein meisterhaftes Sizilienfresko und der größte Erfolg der italienischen Nachkriegsliteratur. Schon bald nach seinem Erscheinen 1958 wurde er zu einem modernen Klassiker der Weltliteratur. Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte, schreibt Lampedusa einen der größten Italienromane, eine Geschichte vom Niedergang des sizilianischen Adelsgeschlechts und zugleich einen Abgesang auf das Europa des 19. Jahrhunderts.

Deutsche Ausgabe München 2019

Maike Albath – Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens

Maike Albath erzählt die Geschichte des unglücklichen Aristokraten Lampedusa, durchquert die Kulturgeschichte und die Literatur der Mittelmeerinsel, von der die entscheidenden Impulse zur Erneuerung der italienischen Literatur kamen. Sizilien brachte nicht nur einen Theaterrevolutionär wie Luigi Pirandello und einen Naturlyriker wie Salvatore Quasimodo hervor, beide mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, sondern auch einen Aufklärer wie Leonardo Sciascia und einen Krimiautor wie Andrea Camilleri.

Berlin 2019

Bücher über Bücher

Maike Albath schreibt über Bücher und über die Menschen, die sie verfassen. Im Wortwandel-Booktalk sprach ich mit ihr über ihr “sizilianisches” Buch “Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens”. Dem “hoch literarischen Terrain” Sizilien verdankt die moderne italienische Literatur ihre entscheidenden Impulse.

Hanns-Josef Ortheil – Das Kind, das nicht fragte

Ein Ethnologe möchte die Lebensgewohnheiten der Menschen in Mandlica, einer kleinen Stadt an der Südküste Siziliens, erkunden. Doch es fällt ihm schwer, einfache Gespräche zu führen, denn er kann aufgrund einer unglücklichen Familienkonstellation keine Fragen stellen. Dafür kann er ausgezeichnet zuhören. Dies macht ihn in Mandlica zu einem begehrten Gesprächspartner, und bald beginnt man, ihm Geheimnisse anzuvertrauen.

München 2012

Johann Gottfried Seume – Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Ein Mann verwirklicht seine „Lieblingsträumerey“ und geht zu Fuß von Grimma bei Leipzig nach Syrakus in Sizilien und wieder zurück. Seumes Bericht seiner neunmonatigen Wanderschaft durch Italien machte den Autor über Nacht berühmt. Seine Wanderung gilt als eine der bemerkenswertesten Reisen der deutschen Literatur, zumal ihn die Freiheit des Reisens beglückte, das langsame Reisen zu Fuß. Nicht so sehr um die Kulturstätten ging es ihm , vielmehr um das Land und die Leute.

Frankfurt a.M. 2002

Die Internationale Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft verleiht alle zwei Jahre den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis für Texte mit einem gesellschafts- und kulturkritischen Ansatz, dem Geiste Seumes folgend.

Andrea Camilleri ...

… war Drehbuchautor, Theater- und Fernsehregisseur und Schriftsteller. Seine erfolgreichste Romanfigur ist der sizilianische Commissario Montalbano. Die Kriminalromane mit tiefen Einblicken in das Leben und die Geschichte Siziliens wurden in 30 Sprachen übersetzt und machten Camilleri international bekannt. Übersehen Sie nicht den Olivenbaum, der Montalbano beim Denken hilft!

Insgesamt verfasste Camilleri mehr als 100 Bücher und gilt als eine kritische Stimme in der italienischen Gegenwartsliteratur. Filmisch setzte er sich unter anderem mit dem großen französischen Kollegen Montalbanos, dem Kommissar Maigret, auseinander, machte Theater in Rom, gab zu, ein Kettenraucher zu sein und bezeichnete sich als nicht-militanten Atheisten.

Eine vollständige Übersicht aller Montalbano-Krimis, z. T. mit Inhaltsangaben, findet man auf buecherrezensionen.org

Leonardo Sciascia – Ein Sizilianer von festen Prinzipien. Essayistische Erzählungen

“Ein Sizilianer von festen Prinzipien” versammelt zwei erstmals ins Deutsche übersetzte Texte Sciascias.

„Tod des Inquisitors“, angeblich Sciascias Lieblingswerk, stellt uns den Protagonisten Fra Diego La Matina aus Racalmuto vor. Der rebellische Augustinermönch schafft es zu Zeiten der Inquisition auf Sizilien, seinen Peiniger, den Inquisitor Cisneros mit eisernen Handschellen umzubringen. Es geht aber nicht nur um seine Geschichte. Vielmehr bringt er auch all die anderen Verfolgten der Inquisition ins Gedächtnis, die der Gewalt der frommen Christenmenschen zum Opfer fielen.

„Der Mann mit der Sturmmaske“ schließt sich thematisch eng an, wenn auch in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts in Chile spielend: Hier geht es um das Schreckgespenst der totalen Willkür der Gewaltherrschaft nach dem Militärputsch von Pinochet. Die unheimliche Macht der Kirche ist im Hintergrund immer spürbar.

Edition Converso. Bad Herrenalb 2021

Befasst man sich mit der Literatur Siziliens, stößt man immer wieder auf einen ganz bestimmten Verlag, der sich der Literatur des Mittelmeerraums verschrieben hat. Monika Lustig ist leidenschaftliche Übersetzerin und Verlegerin. Mir ihr sprach ich über die subversive Kraft der mediterranen Literatur, insbesondere Siziliens, und warum es nicht angemessen ist, über das, was man nicht kennt, zu urteilen.

Etta Scollo – Voci di Sicilia. Eine Reise durch Sizilien

So also kann Sizilien gelesen werden, Schritt für Schritt, in alle Richtungen, in all seinen Schichtungen und Widersprüchen. Sizilien, eine Einheit aus Geschichte und Mythologie, aus Kulturen und Kunst, Erzählungen und Gesang, aus unberührter und verletzter Natur. Sizilien ist europäisch, afrikanisch und eurasisch, es verbindet die Hemisphären. Voci di Sicilia erzählt reisend die Realität der Trinakría, des jahrtausendealten Siziliens mit dem stets lebendigen Ätna und mit der überreichen Natur. Ein Reisebuch für Fortgeschrittene.

Wiesbaden 2020

Mit CD

Maria Attanasio – Der kunstfertige Fälscher. Ausführliche Notizen über den kuriosen Fall des Paolo Ciulla aus Caltagirone

Die Geschichte des größten italienischen Geldfälschers, Paolo Ciulla aus Caltagirone, spielt vor dem Hintergrund aufständischer sizilianischer Massen Ende des 19. Jahrhunderts, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Schönheit und Gerechtigkeit sind die Leitsterne seines Lebens, und so lässt er eine Flut gefälschter Geldscheine, schöner als die Originale, auf die richtigen Leute niederregnen. Er scheut weder Armenhaus noch Irrenanstalt, wenn es gilt, seiner Kunst treu zu bleiben und dem System mit kreativer Subversion ein Schnippchen zu schlagen.

Paolo ist genial und tolldreist, ein Robin Hood der Fälscher, der seine Kunst in den Dienst der Bedürftigen stellt.

Von der sizilianischen Autorin erdachte Situationen und Dialoge werden gemischt mit historischen Quellen und Dokumenten und machen das Porträt so auch zu einer literarischen Chronik. Ein ungemein überzeugendes Lebensbild eines Menschen – und ein ungewöhnliches Sizilienbild dazu.

Edition Converso, Bad Herrenalb 2020

Santo Piazzese – Blaue Blumen zu Allerseelen. Ein Palermo-Krimi

Santo Piazzese, Molekularbiologe und preisgekrönter sizilianischer Autor, entwirft in seinem dritten Palermo-Krimi einen Kosmos schriller Gegensätze, das Soziogramm einer ebenso verführerischen wie brutalen Gesellschaft, in ihren jahrtausendalten Schichtungen, die sich trotz eiserner Hierarchien dennoch demokratisch – oder besser subversiv – durchdringen. Der sympathische Ermittler schreitet ruhig, investigativ und mit wissenschaftlicher Beweisführung voran, um unter einer trügerischen Oberfläche mafiose Machenschaften zu durchschauen.

Gesellschaftsroman und Soziogramm Siziliens in den späten Neunzigerjahren.

Edition Converso, Bad Herrenalb 2019

Leonardo Sciascia – Das ägyptische Konzil

Die wahre Geschichte einer unglaublichen Fälschung im sizilianischen Palermo zu Ende des 18. Jahrhunderts. “Das ägyptische Konzil” entwirft lakonisch, amüsant und ironisch eine raffinierte Allegorie um Macht, Betrug und Verrat. Während der Adel bei galanten Festen und Spielen die Ständegesellschaft verteidigt, träumen junge Liberale von der Aufklärung nach französischem Vorbild. Don Giuseppe Vella, Maltesermönch, nutzt die Gunst der historischen Stunde am Hof des Vizekönigs zum großen Betrug. Des Arabischen zwar kaum mächtig, gibt er eine Biografie des Propheten als Kodex aus, der die feudalen Privilegien des sizilianischen Adels festschreibt. Dafür mit Luxus belohnt, zum Abate und zum Arabisten an der Universität aufgestiegen, erfindet er nun eine neue Sammlung, „Das ägyptische Konzil“. Er fälscht Dokumente in einem Pseudoarabisch, für dessen Übersetzung ins Sizilianische sich nun alle interessieren, der König, der Klerus, der Adel – es geht um ihre Macht. Es ist ein kolossaler Betrug, der Abate Vella gefährlich wird und Sizilien ins politisch-religiöse Chaos stürzt.

Berlin 2016

Andrea Camilleri
“Die Stimme der Violine”
Commissario Montalbanos vierter Fall